Twitter-Exposé #2 - Interaktivität und Applikationen

Dieses Exposé wurde für die Veranstaltung “Digitale Kommunikation” an der TU Ilmenau verfasst.

Nachdem bereits im 1. Teil des Exposés der Dienst Twitter ausführlich vorgestellt wurde, soll es im 2. Teil um den Interaktivitätsaspekt von Twitter gehen. Dass die Wahl, das Exposé über den interaktiven Dienst Twitter zu schreiben, richtig war, zeigt eine Meldung auf Mashable.com vom 9. Januar 2009: Demnach ist Twitter im Jahr 2008 um 752% gewachsen (Mashable 2009 [1]).

Im Mittelpunkt dieses Teils des Exposés stehen die bereits im ersten Teil erwähnten Webanwendungen bzw. Applikationen (sog. Apps) von Drittanbietern, die die Funktionen von Twitter erweitern.
Möglich wird dies durch von Twitter.com zur Verfügung gestellte API (application programming interface), also die Programmierschnittstelle des Twittersystems. Sie ermöglicht beispielsweise, dass neue Tweets auch über andere Webseiten oder Programme, d.h. auf unterschiedlichen Kanälen, eingegeben und ebenfalls abgerufen werden können. Mittels bestimmter Erweiterungen lassen sich zudem weitere Informationen über den Absender und die Empfängergruppe anzeigen, wie etwa den jeweiligen Standort auf Google Maps.
So kann ein beispielsweise Twitter-Stream in einer völlig neuen Umgebung erscheinen (siehe Tweetree), ein Firefox-Plugin erlaubt die Eingabe von Tweets und benachrichtigt den Nutzer bei Updates (vgl. Twitterfox) oder eine Webseite ermöglicht es Nutzern, anderen Twitter-Usern automatisch zu followen oder mehrere Accounts zu verwalten (Tweet Manager) - um nur einige Beispiele zu nennen.

Diese Applikationen tragen zur Popularität des Webangebotes Twitter bei und vereinfachen die Nutzung, da vielfältige Zusatzmöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Wie die Angebote kategorisiert werden können und welche überhaupt von vielen Mitgliedern genutzt werden soll im folgenden Teil geklärt werden.

Zunächst stellt allerdings die Frage, welche Applikationen überhaupt relevant sind. Es lässt sich beobachten, dass jede Woche eine Vielzahl neuer Webseiten mit Twitterbezug gelauncht werden - nicht alle diese Produkte werden letzten Endes aber auch von einer breiteren Masse benutzt. Da keine Nutzerzahlen zu einzelnen Applikationen vorliegen, muss ein anderer Weg gefunden werden, beliebte Applikationen zu finden. Eine Hilfe stellen Twitterverzeichnisse wie twitdom.com oder Auflistungen von Applikationen auf Webseiten wie Mashable.com dar. Nutzerzahlen erhält man zwar auch hierdurch nicht, dafür aber Überblicke über beliebte und empfehlenswerte Dienste. Eine weitere sehr gute Methode, die auch in gewisser Weise Rückschlüsse auf die Verwendungshäufigkeit gibt, stellt das Suchen nach den Begriffen “Twitter” und beispielsweise “Apps” (für Applikationen) in sozialen Bookmarking-Tools wie del.icio.us dar. Die zugrunde liegende Überlegung: Je mehr Nutzer eine Twitterapplikation gebookmarkt haben, desto häufiger findet sie Verwendung. Beispiele sind hier sowie hier zu sehen.

Die angesprochene Kategorisierung kann an Mashable.com (2009 [2]) angelehnt werden. Hier wird die Übersicht über “Twitter Tools” in folgende Kategorien eingeteilt:

  • Posting Enhancement
  • Reading
  • Search
  • Analytics
  • Fun/Utility
  • Scripts/Firefox Addons
  • (Mobile) clients

Jede Applikation lässt sich in eine dieser Kategorien einordnen, so dass das Schema als umfassend bezeichnet werden kann. Die letzten beiden Kategorien sind für diese Untersuchung allerdings nicht relevant, da sie keine webseitenbasierten Web 2.0-Angebote darstellen, um die es hier aber gehen soll.

Was haben Applikationen nun mit dem Überbegriff der Interaktivität zu tun? Im Grunde erweitern praktisch alle, wie bereits erwähnt, Twitter um Funktionen, die oft die Interaktivität erleichtern und fördern. Twitter allein bietet lediglich die Möglichkeit des Sendens und Empfangens von Nachrichten. Dabei werden Nachrichten entweder direkt an andere User oder aber an alle potentiellen Leser gesendet. Von privaten Nachrichten abgesehen sind aber selbst mit “@” versehene und direkt an andere Nutzer gerichtete Tweets von allen anderen Surfern einsehbar.

Modell nach Weinreich (1998)

Ein Modell, das dieses Senden und Empfangen gerade auch bezogen auf Twitter treffend darstellt ist das Kommunikationsmodell für Onlinemedien nach Weinreich (1998). Weinreich hebt die in anderen Kommunikationsmodellen verwendete Unterscheidung zwischen Kommunikator und Rezipient auf und bezeichnet sie statt dessen beide als Partizipienten: “Kommunikationsmodelle konventioneller Medien beschreiben den »flow of information« (I) als vom Kommunikator zum Rezipienten verlaufend. Der Rezipient hat die Möglichkeit zu Feedback (I’), aber nur auf Wegen mit geringer Bandbreite. In der computervermittelten Kommunikation (computer mediated communication = CMC) ergibt sich ebenfalls ein Flußverlauf (I1+2), und zwar von einem Partizipienten zum anderen. Aber der zweite Teilnehmer hat einerseits eine gleichberechtigte Feedbackmöglichkeit (I1′) und andererseits auch die Möglichkeit, weitere Informationen (I2) zurückfließen zu lassen. Auf diese kann nun der erste Partizipient mit wiederum gleicher Bandbreite reagieren (I2′)” (Weinreich 1998, S. 134)

Kommen wir kurz zum Begriff der Interaktivität.
Laut Beck (2006, S. 53) entsteht im Internet “ein aktiver bzw. interaktiver Rezipient, der ohne Medienbruch und Zeitverzug direkt auf Kommunikatoren und Kommunikate (Programm) Einfluss nehmen oder selbst zum Kommunikator werden könne”. Silberer (1997, S. 9) versteht unter interaktiver Kommunikation im wesentlichen eine “rechnergestützte Kommunikation, bei der ein Mediennutzer jederzeit, wahlfrei und wiederholt auf angebotene bzw. abgelegte Informationen zugreifen” kann. Dies ist bei Twitter der Fall.

Von Interaktivität bzw. interaktiver Kommunikation noch zu einer Definition zu Interaktion von Unger/Fuchs (2005, S. 317):

“In seiner formalen Bedeutung versteht man unter Interaktion Prozesse der Wechselbeziehung bzw. Wechselwirkung zwischen zwei oder mehreren Größen. Allgemein kann man unter Interaktion das aufeinander bezogene Handeln zweier oder mehrerer Personen verstehen. Dies setzt die Fähigkeit zum Senden und Empfangen von Informationen voraus und impliziert, dass Kommunikation nicht determiniert ist [...].”

Mit Hilfe von Kiousis (2002) lassens sich die Merkmale von Interaktivität nochmals zusammenfassen: Zwei-Wege-Kommunikation; Sender und Empfänger müssen ihre Rollen tauschen können; die Kommunikation sollte in (beinahe) Echtzeit erfolgen; die Abhängigkeit von einem Dritten; Individuen müssen Inhalte, Form und Geschwindigkeit der Kommunikation beeinflussen können.

Nach diesen Definitionen stellt Twitter also - wie angenommen - einen interaktiven Dienst dar, über den Nutzer interagieren bzw. interaktiv Kommunizieren können. Bei Twitter können Nutzer sowohl Sender als auch Empfänger sein; Tweets erscheinen sofort und in Echtzeit; Nutzer sind von einem Dritten - der Plattform Twitter selbst - für ihre Kommunikation abhängig; und schließlich können die Nutzer die Inhalte der Tweets ebenso wie die Form (bspw. durch Hinzufügen von Hashtags order Links) oder den Zeitpunkt des Sendens und Lesens selbst beeinflussen.

Im Folgenden sollen zwei Twitterapplikationen näher beschrieben und der jeweilige Interaktivitätsaspekt hervorgehoben werden.

Tweet Manager

Tweetmanager.com bietet dem Nutzer verschiedene Möglichkeiten. Es können Nachrichten an alle Follower geschickt werden; zudem ist das sogenannte “Auto-followen” möglich: Der Nutzer bestimmt Keywords. Sobald andere Twitteruser diese Keywords benutzen followed man diesen automatisch. Hierdurch kann man sowohl Themen folgen, die einen selbst interessieren als auch versuchen, durch das folgen anderer deren Aufmerksamkeit zu erregen und somit im Umkehrschluss selbst mehr Follower zu erhalten. Eine weitere Funktion ist die Funktion des Auto-Reply: Sobald ein anderer eine Nachricht mit “@” an den Nutzer adressiert, antwortet Tweet Manager diesem mit einer vorab erstellten Nachricht. Ebenfalls möglich ist das Erstellen von automatischen Einträgen: Mehrere Tweets können vorab angelegt werden, Tweet Manager veröffentlicht diese dann zur angegebenen Uhrzeit. Schließlich können auch 2 Accounts mit einander verknüpft werden, so dass bei beide gleichzeitig verwaltet werden können.
Tweetmanager automatisiert also Abläufe wie das Followen oder Nachrichtenverschicken für den Nutzer. Die Applikation führt die Aufgaben aus, die in dieser Mensch-Maschine (Software)-Kommunikation gestellt werden. Gleichzeitig ermöglicht dies aber die Mensch-Mensch Kommunikation: Nachrichten an Andere werden vom User selbst eingegeben, lediglich der Veröffentlichungszeitpunkt variiert - mehr oder minder zufällig. Auch das Followen stellt in gewisser Weise eine Form von Interaktiin dar; reagiert Tweet Manager doch auf Keywords, die dann die Aktion auslösen. Das Followen anderer Nutzer ist zudem Kommunikation: Zum einen ist es selbst eine “Nachricht” (bspw. das Bekunden von Interesse an Updates eines Anderen), desweiteren ergibt sich aus dem Followen weitere Kommunikation. Die Möglichkeit, Tweets zu einem späteren Zeitpunkt automatisch erscheinen zu lassen, verändert die Interaktivitätskomponente der Geschwindigkeit. Bei Twitter muss der Nutzet bei Veröffentlichung von Tweets anwesend sein, durch Tweet Manager erweitert sich seine Einflussnahme auf den Veröffentlichungszeitpunkt.

Twitpic

Diese Applikation ist sehr simpel und doch sehr nützlich, erweitert sie Twitter doch um visuelle Impressionen. Auf Twitpic.com kann der Nutzer sich mit seinem Twitter-Login einloggen, ein Foto hochladen, dieses mit Tags und einem Text versehen - getwittert wird dann automatisch der Text samt Link zum Bild, welches von Twitpic selbst gehostet wird. Da auch die Möglichkeit besteht, Bilder mit Ortsangaben zu versehen bieten sich hier weitere Möglichkeiten für andere Applikationen, die z.B. auf dann auf Karten verschiedenen Orten Bilder zuweisen können.
Twitpic erweitert folglich die medialen Möglichkeiten, zum reinen Text (mit Hyperlinks) kommt der Inhalt “Bilder” hinzu. Hierdurch ändert sich auch die Kommunikation; Geschriebenes wird bildlich untermauert; Situationen können besser beschrieben werden. Andere Nutzer können auf Twitpic Kommentare zu Bildern abgeben, so dass sogar eine zweite Kommunikationsebene eröffnet wird.
Ähnliche Anwendungen gibt es ebenso für Webcam-Kurzvideos (siehe z.B. Nimbb.com)

Diese beiden Applikationen sollen nur als Beispiel dienen, welche Erweiterungen und Verwaltungsmöglichkeiten es für Twitter gibt. Es ließen sich unzählige weitere Beispiele aufzählen: Kalenderverwaltung mittels Twitter; Budgetverwaltung über Twitter und viele weitere. Alle ermöglichen über einen einzigen Twitteraccount unzählige interaktive Möglichkeiten mit diversen anderen Webseiten und Applikationen - Vernetzung par Excellence.

Abschließend erwähnenswert hinsichtlich Interaktivität sind an dieser Stelle noch Plugins/Addons/Tools, die den Twitterstream mit anderen Webseiten verknüpfen. Der Stream kann in Weblogs eingebunden werden; Tweets können auf dem Social Network Facebook automatisch den aktuellen Status des Nutzers im Profil darstellen, Tweets können ebenfalls auf normalen Webseiten erscheinen etc. Dies bringt Twitter in andere Umgebungen, so dass auch eigentliche Nichtnutzer Tweets präsentiert bekommen - die Reichweite des Netzwerks Twitter wächst. Dies ist auch zu beobachten bei der Nachrichtenübermittlung von Webseiten wie Spiegel Online, die bei großen Ereignissen mittlerweile auch involvierte Twitternutzer, die ihre Erfahrungen twittern, zitieren.

Soweit zum zweiten von drei Teilen über Twitter; im letzten sollen Potentiale für die Zukunft und Handlungsempfehlungen gegeben werden.

Literaturhinweise

Beck, Klaus (2006): Computervermitelte Kommunikation im Internet. München, Wien: R. Oldenbourg Verlag.

Fuchs, Fritz/Unger Wolfgang (2005): Management der Marketing-Kommunikation. Berlin: Springer, S. 317

Kiousis, Spiro (2002): Interactivity: a concept explication. New Media Society 2002; 4; 355

Mashable (2009) [1]: Twitters Massive 2008: 752% Growth. Abgerufen am 10.01.2009 unter http://mashable.com/2009/01/09/twitter-growth-2008/

Mashable (2009) [2]: 140 More Twitter Tools. Abgerufen am 3.01.2009 unter http://mashable.com/2008/05/24/14-more-twitter-tools/

Schulmeister, Rolf (2004): Didaktisches Design aus hochschuldidaktischer Sicht - Ein Plädoyer für offene Lernsituationen. In: U. Rinn/D.M. Meister (eds): Didaktik und Neue Medien. Konzepte und Anwendungen in der Hochschule. Medien in der Wissenschaft (21).

SIlberer, Günter (1997): Interaktive Werbung. Stuttgart: Schäffer-Poeschel, S.9

Weinreich, Frank (1998): Nutzen- und Belohnungsstrukturen computergestützter Kommunikationsformen. Zur Anwendung des Uses and Gratifications approach in einem neuen Forschungsfeld. In: Publizistik, (1998)2, S. 130-142.

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  1. Aufgabe II: Interaktionsmöglichkeiten im TOGGO Treff-Chat | Sicher-Chatten.com says:

    [...] Interaktionsmöglichkeiten des Mikro-Blogging-Dienstes Twitter [...]

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